
Stockholm statt Schulbank. Paula Pischeli, 19, aus Meschede lebt seit Monaten allein in Schweden und arbeitet in einer internationalen Vorschule. Am Anfang war da Heimweh und ein fremdes Land. Dann kamen Routinen, neue Worte auf Schwedisch und ein Alltag, der sie stark gemacht hat. Selbst bei minus 18 Grad radeln Kinder hier zur Kita. Paula erzählt, wie sich ihr Blick auf Arbeit, Mut und Zukunft verändert hat.
Wo sind Sie aktuell und in welchem Bereich machen Sie Ihr Praktikum?
Ich bin aktuell in Stockholm, Schweden, und arbeite in einer internationalen Preschool.
Warum haben Sie sich für ein Auslandspraktikum entschieden?
Ich wollte nach meinem Abitur erst einmal etwas anderes, Neues erleben. Sofort mit einem Studium anzufangen, kam für mich nicht infrage, da ich erst einmal eine Pause vom ganzen Lernen haben wollte. Durch das Angebot von Erasmus an unserer Schule war mir eigentlich schon bewusst, dass ich dieses auch annehmen werde und ein Gap Year im Ausland machen möchte.
Wie waren Ihre ersten Tage im Gastland? Was war neu oder ungewohnt?
Die ersten Tage waren sehr schwer für mich. Ich war das erste Mal ganz alleine, unfassbar weit weg von zu Hause, in einem fremden Land, in dem so viel anders ist. Das hat sich dann aber ganz schnell geändert, nachdem ich mich eingelebt habe. Da ich nun komplett für mich alleine verantwortlich war, musste ich erst einmal neue Routinen entwickeln und einen eigenen Lebensstil finden. Die fremde Sprache sowie die andere Währung waren eine Herausforderung, die ich mittlerweile jedoch gut bewältigen kann.
Gab es etwas, was Sie besonders überrascht hat? Im Alltag oder im Praktikum?
Auf jeden Fall! Zum Beispiel die Gastfreundschaft, die noch positiver war als erwartet. Ebenfalls das wirklich eisige Wetter hier im Winter, das nicht nur unfassbar kalt ist, sondern auch extrem dunkel. Und damit verbunden: die Mentalität der Schweden! Selbst bei minus 18 Grad werden Kinder noch mit dem Fahrrad in die Preschool gebracht.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie aus?
Ein typischer Arbeitstag beginnt meistens um 8 Uhr, was jedoch je nach Tag variiert. Ich starte draußen auf unserem Playground und nehme die Kinder aus den unterschiedlichen Gruppen in Empfang. Um 9 Uhr gehen alle Kinder in ihre alterssortierten Gruppen. Ich arbeite in der Krokodil-Gruppe, in der Kinder im Alter von drei bis vier Jahren betreut werden. Ich helfe ihnen beim Ausziehen der Outdoor-Kleidung und beim Gang zur Toilette.
Danach beginnen wir den Tag mit einer Runde Obst und der ersten sogenannten „Circle Time“. Die Preschool folgt dem IEYC (International Early Years Curriculum), einem forschungsbasierten, spielorientierten Konzept für Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren, das eine ganzheitliche Entwicklung durch Entdecken und thematische Einheiten fördern soll. Es gibt vier verschiedene Themenbereiche, auf die sich das IEYC fokussiert. Aktuell bearbeiten wir zum Beispiel das Themengebiet „Inquiring“. Demnach wird die Circle Time auf das jeweilige Thema zugeschnitten, indem wir in diesem Fall über verschiedene Künstlerinnen und Künstler sprechen.
Die erste Circle Time findet meist auf Englisch statt. Danach dürfen die Kinder frei spielen, und um 10:30 Uhr gibt es Mittagessen. Davor gibt es noch eine Ruhepause, in der die Kinder durch eine Geschichte auf das Essen vorbereitet werden. Nach dem Essen wird gespielt und es wird themen- und feiertagsbasiert gebastelt. Kurz vor 14 Uhr gibt es dann die zweite Circle Time, meist auf Schwedisch. Es wird über den Tag gesprochen, Mathe geübt oder Buchstaben gelernt. Danach gibt es Snacks in Form von Brot oder Porridge.
Anschließend gehen wir mit den Kindern wieder nach draußen auf den Spielplatz der Preschool, wo sie abgeholt werden können. Gegen 16 bis 16:30 Uhr endet mein Arbeitstag.
Welche Aufgaben übernehmen Sie im Praktikum konkret?
Meine Aufgaben im Praktikum sind vielfältig und breit gefächert. Ich helfe den Kindern bei alltäglichen Aufgaben wie beim Umziehen oder beim Toilettengang, aber auch beim Essen sitze ich mit ihnen an einem Tisch und unterstütze sie. Montags darf ich die englische Circle Time übernehmen, den sogenannten „Show and Share“, bei dem die Kinder ein Spielzeug von zu Hause mitbringen, es vorstellen und anschließend mit den anderen teilen.
Ich werde ebenfalls in die Planung und Gestaltung von Bastelaktivitäten einbezogen und führe vorbereitete Aktivitäten mit den Kindern durch.
Eine weitere sehr wichtige Aufgabe ist der Blog, den ich gelegentlich übernehmen darf. Ich mache Fotos von den Kindern im Laufe des Tages, schreibe eine kleine Zusammenfassung, gestalte Collagen und lade diese in der Preschool-App hoch, damit die Eltern sehen können, was ihre Kinder erlebt und gelernt haben.
Was unterscheidet Ihre Arbeit dort von dem, was Sie aus Deutschland kennen?
In Deutschland habe ich bisher noch nicht mit Kindern gearbeitet, weshalb ich keine direkten Vergleiche ziehen kann. Was mir jedoch aufgefallen ist: In dieser Einrichtung wird großer Wert auf zukünftige Kompetenzen gelegt, was in diesem Alter in Deutschland eher unüblich ist. Viele Kinder können hier bereits mit drei Jahren Buchstaben erkennen, zweisprachig sprechen und erste mathematische Grundlagen anwenden. Das hat mich sehr beeindruckt.
Wie kommen Sie mit der Sprache zurecht? Im Betrieb und im Alltag?
In meinem Betrieb wird zweisprachig gearbeitet, hauptsächlich auf Englisch und Schwedisch. Da meine Kolleginnen sehr gut Englisch sprechen, konnte ich von Anfang an problemlos mit ihnen kommunizieren. Mit den Kindern war die Verständigung zu Beginn etwas herausfordernder, da sie sich deutlich sicherer auf Schwedisch ausdrücken. Mit der Zeit wurden sie jedoch offener, mir auf Englisch zu antworten, und ich habe mir gleichzeitig grundlegende schwedische Wörter angeeignet.
Auch außerhalb der Arbeit sprechen die meisten Menschen sehr gutes Englisch, sodass ich insgesamt gut mit der Kommunikation zurechtkomme.
Gab es Begegnungen mit Menschen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Während meiner bisherigen Zeit in Schweden gab es mehrere Begegnungen, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Besonders prägend ist die Beziehung zu meiner Vermieterin Annika, die mich von Anfang an sehr herzlich aufgenommen hat. Durch ihre fürsorgliche Art, regelmäßige Einladungen zum Essen und ihre Unterstützung hat sie maßgeblich dazu beigetragen, dass ich mich schnell wie zu Hause fühle.
Auch mein Barista wird mir in Erinnerung bleiben. Neben seinem hervorragenden Kaffee gibt er mir durch unsere täglichen Gespräche am Morgen viel Motivation und ermutigt mich, offener und mutiger zu sein.
Eine weitere sehr besondere Begegnung hatte ich mit Carolin. Sie war ebenfalls über Erasmus in Schweden und hat dort einen zweimonatigen Aufenthalt verbracht. Durch ihre Unterstützung, unsere gemeinsamen lustigen Momente und die vielen unbeschwerten Erlebnisse hat sie meine Zeit hier enorm bereichert.
Was haben Sie bisher über sich selbst gelernt?
In den vergangenen sechs Monaten hatte ich die Möglichkeit, mich selbst auf einer ganz neuen Ebene kennenzulernen. Besonders die Selbstständigkeit, die mit dem Leben allein in einem fremden Land einhergeht, war für mich ein großer Erfolg. Ich habe gelernt, meinen Alltag zu organisieren, Routinen zu entwickeln und mich bewusst mit meinem Wohlbefinden auseinanderzusetzen. Diese Zeit hat mich mutiger, selbstsicherer und unabhängiger gemacht.
Gibt es etwas, das Ihnen mehr Selbstvertrauen gegeben hat?
Ja, vor allem das eigenständige Leben und Arbeiten in einem fremden Land. Anfangs war vieles neu und ungewohnt, doch mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich Herausforderungen allein bewältigen kann und daran wachse.
Was fällt Ihnen schwerer als gedacht?
Manchmal fällt es mir noch schwer, mit dem Abstand zu meiner Familie und meinen Freunden umzugehen. Besonders an Geburtstagen oder Feiertagen ist das eine große Herausforderung. Auch neue Freundschaften aufzubauen, war schwieriger als erwartet.
Wie gehen Sie mit Problemen oder Heimweh um?
Mir hilft es sehr, offen über meine Gefühle zu sprechen, besonders mit meiner Mama oder meiner besten Freundin. Außerdem hilft es mir, spazieren zu gehen — ich wohne in der Nähe eines Sees, und auch die Innenstadt von Stockholm wirkt sehr beruhigend.
Was nehmen Sie aus dem Auslandspraktikum für Ihre Zukunft mit?
Ich nehme vor allem mit, dass ich stolz auf mich sein kann. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie viel Stärke und Mut in mir steckt. Außerdem habe ich erkannt, dass mir die Arbeit mit Kindern große Freude bereitet, ich mich langfristig jedoch eher im Bereich der Sozialen Arbeit sehe.
Würden Sie anderen Schülerinnen und Schülern ein Erasmus+ Praktikum empfehlen? Warum? Ja, auf jeden Fall. Ein solcher Aufenthalt stärkt das Selbstvertrauen enorm und ermöglicht es, neue Kulturen, Lebensweisen und Perspektiven kennenzulernen.
Wenn Sie Ihre Zeit im Ausland in einem Satz beschreiben müssen, wie würde er aussehen?
Meine Zeit hier in Schweden ist wie ein guter Ofen: am Anfang ungewohnt, dann unfassbar wichtig für das Gefühl von Sicherheit und Stabilität, und man merkt erst, wie sehr er fehlt, wenn er nicht da ist.




