„Raus aus der Komfortzone“

Finja Fischer aus Reiste an der irischen Küste.

Wo sind Sie aktuell und in welchem Bereich machen Sie Ihr Praktikum?
Ich bin aktuell in Dublin in Irland und mache mein Praktikum in einem kleinen Montessori Kindergarten.

Warum haben Sie sich für ein Auslandspraktikum entschieden?
Mir war direkt klar, dass ich nach dem Abitur definitiv erst ein Gap-Year machen möchte, bevor ich mit dem Studium beginne. Ich wollte gerne etwas Neues ausprobieren und aus meiner Komfortzone hinausgehen. Das Auslandspraktikum hilft mir, sowohl fachlich als auch persönlich über mich hinauszuwachsen. Dadurch, dass ich in einer WG mit jungen Erwachsenen aus verschiedenen Ländern lebe, kann ich auch außerhalb der Arbeit neue, kulturelle Erfahrungen sammeln.

Wie waren Ihre ersten Tage im Gastland? Was war neu oder ungewohnt?
Vorweg muss ich vielleicht erstmal klarstellen, dass ich schon häufiger in Dublin war. Ich habe sowohl familiär Verbindungen hierher und war auch schon im Rahmen eines Praktikums in der 11. Klasse mit Erasmus in Dublin. Ich denke, dass mir diese Voraussetzungen den Start deutlich erleichtert haben, weswegen ich mich sofort sehr wohl und zu Hause gefühlt habe.

Trotzdem war vor allem das Leben innerhalb der WG eine ganz neue Erfahrung für mich, in welche ich erst hineinwachsen musste. Ich lebe mit sechs anderen Menschen in einem Haus, wo natürlich viele verschiedene Meinungen, Erfahrungen etc. aufeinandertreffen. Mittlerweile genieße ich dieses WG-Leben aber sehr und weiß nun, dass diese Art von Zusammenleben auch für meine Zeit im Studium das Richtige sein wird. Im Praktikum habe ich mich schnell gut zurechtgefunden, weil ich vorher schon in Deutschland Praktika im Kindergarten gemacht habe.

Gab es etwas, das Sie besonders überrascht hat? Im Alltag oder im Praktikum?
Ich hätte niemals damit gerechnet, dieses Leben mit so vielen unterschiedlichen Menschen so sehr lieben zu lernen. Man ist niemals allein, schließt direkt sehr wertvolle Freundschaften und erlebt viele schöne Momente miteinander. Fast alle meiner Mitbewohner sind ebenfalls aus anderen Ländern innerhalb ihres Studiums hierhergezogen, weswegen wir alle am Anfang ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das schweißt sofort sehr zusammen. Im Praktikum hat es mich überrascht, dass ich so schnell so positiv in das Team aufgenommen wurde. Zwei Wochen nach meiner Ankunft war ich direkt bei einem Teamnachmittag in einer Bowlinghalle eingeladen und wurde dort auch nochmal sehr herzlich begrüßt.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie aus?
Mein Arbeitstag beginnt jeden Tag um 9:00 Uhr. Ich bin keiner festen Altersgruppe bei den Kindern zugeteilt, sondern helfe immer dort, wo ich gebraucht werde. Dadurch, dass wir insgesamt nur etwa 40 bis 45 Kinder haben, funktioniert das auch sehr gut und alle Kinder haben sich ziemlich schnell an mich gewöhnt. Meistens helfe ich dann meinen Kollegen bei der täglichen Arbeit, die so anfällt. Der Tagesablauf richtet sich nach einem Montessori-Curriculum, welches an die Altersgruppen angepasst wird. Mit jeder Gruppe gibt es tägliche Montessori-Aktivitäten, die sich nach dem Thema des Monats richten. Jeder Monat hat ein anderes Thema, an welches beispielsweise auch die Dekorationen in der Einrichtung angepasst werden. So drehte sich im Dezember alles um Weihnachten. Es gibt auch immer eine Form und eine Farbe des Monats und an diese Thematiken werden die Aktivitäten mit den Kindern angepasst. Beispielsweise basteln wir viel mit den Kindern, machen verschiedene Rollenspiele oder backen gemeinsam. Zwischen diesen Aktivitäten haben die Kinder auch immer die Möglichkeit des Freispiels, bei welchem wir sie dann ebenfalls begleiten. Morgens gegen 10 Uhr findet dann noch das Frühstück statt und mittags gegen 11:30 Uhr helfen wir den Kindern beim Mittagessen. Für gewöhnlich helfe ich nach dem Essen in der Einschlafbegleitung. Nachmittags finden dann ebenfalls wieder Montessori-Aktivitäten statt und es gibt den „Tea“ um 15 Uhr, also eine kleine Zwischenmahlzeit für die Kinder. Es gibt zusätzlich feste Zeiten, an denen wir mit den Kindern in den Garten gehen, was aber von Gruppe zu Gruppe unterschiedliche Zeiten sind. Um 16 Uhr habe ich dann jeden Tag Feierabend.

Welche Aufgaben übernehmen Sie im Praktikum konkret?
Ich bastele viel mit den Kindern, mache mit ihnen den Morgenkreis, begleite sie im Freispiel etc. Ich helfe bei den Mahlzeiten, denn insbesondere die kleinen Kinder benötigen dort häufig noch Hilfe. Ich helfe meinen Kollegen die Kinder mittags ins Bett zu bringen, unterstütze beim Aufräumen der Gruppenräume unterstütze die älteren Kinder beim Toilettengang. Manchmal übernehme ich auch kleine hauswirtschaftliche Aufgaben, wie Geschirr spülen oder Wäsche falten. Meine Kollegen geben mir hier aber auch viel Freiraum und lassen mich auch bei der Planung des Curriculums, also der festen Aktivitäten, mithelfen.

Was unterscheidet Ihre Arbeit dort von dem, was Sie aus Deutschland kennen?
Der größte Unterschied ist das Alter der Kinder. Hier kommen sie bereits mit vier Jahren in die Schule und dementsprechend auch früher, teilweise mit 6 Monaten, in den Kindergarten. Deshalb arbeite ich vor allem mit Kindern im Alter von 1-3 Jahren, was während meiner Praktika in Deutschland nicht so war. Zudem unterscheidet sich die Länge eines Kindergartentages der Kinder von den Zeiten, die ich aus Deutschland kenne. Selbst die Kleinsten werden ab 7:30 Uhr gebracht und meist erst gegen 18:00 Uhr wieder abgeholt und sind somit länger dort als ich. Die Arbeit mit den Kindern richtet sich nach dem Montessori-Konzept, das es in Deutschland auch gibt. Jedoch war dies meine erste Erfahrung in einer solchen Einrichtung.

Wie kommen Sie mit der Sprache zurecht? Im Betrieb und im Alltag?
Hier in Irland wird ja Englisch gesprochen, weswegen es keine Sprachbarriere für mich gab, was auch einer der Gründe war, weswegen ich mich für Irland entschieden habe. Besonders im Betrieb sprechen alle sehr gutes Englisch, weshalb ich keinerlei Probleme hatte. Einige meiner Mitbewohner beherrschen die Sprache zwar nicht ganz so gut, was in der Verständigung aber keine Schwierigkeiten verursacht.

Gab es Begegnungen mit Menschen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind? Warum?
Ich erlebe solche besonderen Begegnungen tatsächlich ziemlich häufig, da die Iren ein sehr offenes und gastfreundliches Volk sind. Beispielsweise unterhalte ich mich im Bus häufiger mit fremden Menschen oder werde morgens auf dem Weg zur Arbeit immer von Menschen gegrüßt, die man regelmäßig zur gleichen Zeit trifft. Im Bus wird sich vor dem Aussteigen immer mit einem lauten „Thank you!“ beim Busfahrer bedankt und man fühlt sich sofort total willkommen. Ich habe selten eine so immense Gastfreundschaft erlebt und bin sehr dankbar für all diese kleinen Momente. Solche Momente erlebe ich auch häufig mit meinen Mitbewohnern. Wir kochen zusammen, machen Spieleabende, tanzen zusammen in der Küche. Jeder kümmert sich um seine Mitmenschen und es entsteht ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl, was ich in der Form noch nie erlebt habe.

Was haben Sie bisher über sich selbst gelernt?
Ich habe gelernt, dass ich mich auch in fremden Situationen gut allein zurechtfinden kann. Zudem bin ich viel selbstbewusster geworden und genieße diese Selbstständigkeit sehr. Ich liebe es, hier in einer Millionenmetropole zu leben, da hier immer etwas los ist und sich niemand dafür interessiert, wo man herkommt, wie man aussieht etc. Auch wenn natürlich nicht immer alles schön ist und nach Plan läuft, komme ich besser mit Stress klar und habe bisher immer eine Lösung für alle möglichen Probleme gefunden. Als letztes habe ich ebenfalls gelernt, dass es wichtig ist, sein Leben trotz Einschränkungen selbst zu gestalten. Ich habe eine chronische Erkrankung und vor diesem Aufenthalt deshalb viel an mir und meine Plänen gezweifelt. Ich habe nun verstanden, dass ich mir davon nicht mein Leben wegnehmen lassen sollte und ich auch solche Herausforderungen schaffen kann, trotz Einschränkung.

Gibt es etwas, dass Ihnen mehr Selbstvertrauen gegeben hat?
Wie bereits erwähnt ist dieses Land und die Umgebung nicht komplett neu für mich gewesen und ich habe einen familiären Background hier, was mir natürlich geholfen hat, von Anfang an selbstbewusster an alles heran zu gehen. Wenn man sich dazu entscheidet, den Erasmusaufenthalt in Irland zu machen, gibt es die Möglichkeit, Unterstützung von der Partnerorganisation Foyle zu erhalten. Diese haben sich hier um meinen Praktikumsplatz und auch meine Unterkunft gekümmert. Zudem habe ich dort zu jeder Zeit einen Ansprechpartner und kann mir Hilfe holen. Im Dezember war ich beispielsweise an einer Lungenentzündung erkrankt und Foyle hat mir geholfen, einen Hausarzt hier zu finden. Diese Sicherheit, die man durch die Ansprechpartner erhält, war und ist für mich unglaublich wertvoll.

Was fällt Ihnen schwerer als gedacht?
An sich komme ich hier wirklich gut zurecht und ich hätte generell auch gedacht, dass ich mit mehr Schwierigkeiten und Problemen konfrontiert werde. Womit ich aber nicht gerechnet hätte, ist, dass meine Gesundheit hier sehr auf die Probe gestellt wird. Wegen meiner chronischen Erkrankung muss ich Medikamente einnehmen, die mein Immunsystem erheblich beeinträchtigen. Dadurch bin ich durch die zahlreichen Viren im Kindergarten schon häufiger krank gewesen. Trotzdem ist es mir aber auch wichtig zu erwähnen, dass mir meine Erkrankung an sich, viel weniger Probleme macht, als ich erwartet hätte. Dies war eine meiner größten Sorgen vor dem Praktikum, was aber bisher sehr gut läuft und man sich deshalb nicht entmutigen lassen sollte, diese Erfahrung trotz Einschränkung zu machen.

Wie gehen Sie mit Problemen oder Heimweh um?
Mit Heimweh habe ich tatsächlich kaum zu kämpfen gehabt, vor allem zu Beginn des Aufenthaltes hatte ich dieses gar nicht. Ich war über Weihnachten einige Tage in Deutschland, wonach ich dann doch etwas Heimweh hatte. Dieses konnte ich aber schnell überwinden, als ich wieder in meinen normalen Alltag zurückkehren konnte und sich alles wieder normalisierte. Ich bin sehr froh, dass es heutzutage Facetime gibt und ich so, trotz der Distanz, meine Familie und Freunde „sehen“ kann. Mir hilft es auch sehr, dass es hier so viele Dinge zu sehen gibt und es niemals langweilig wird. Zudem bin ich froh, nicht ganz alleine zu wohnen und so auch durch meine Mitbewohner immer Unterstützung haben.

Was nehmen Sie aus dem Auslandspraktikum für Ihre Zukunft mit?
Aus dem Auslandspraktikum nehme ich definitiv ein neues Vertrauen in mich selbst mit, weil ich gelernt habe, mich auch in neuen Situationen außerhalb meiner Komfortzone zurechtzufinden und meinen eigenen Weg zu gehen. Die Zeit hier in Irland war meine erste Erfahrung außerhalb von zu Hause und ich weiß nun, dass ich gut für mich selbst sorgen kann und mir das Leben in der Stadt besser gefällt als das Leben auf dem Land. Zusätzlich fand ich den Kontakt mit Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen in der WG sehr bereichernd. Denn trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Herangehensweisen haben wir immer Kompromisse gefunden und so ein tolles Zusammenleben ermöglicht. Auch für meinen Plan, nach dem Praktikum ein Studium der Sozialen Arbeit anzufangen, habe ich viel mitgenommen. Ich konnte während meiner Arbeit mit den Kindern viele Kompetenzen sammeln, die mir im Berufsleben mit Sicherheit helfen werden. Auch wenn ich später nicht in einem Kindergarten arbeiten möchte, bin ich mir nun dennoch sicherer, dass die Arbeit mit Menschen das ist, was mir Spaß macht und was ich mein Leben lang machen möchte.

Würden Sie anderen Schülerinnen und Schülern ein Erasmus+ Praktikum empfehlen? Warum?
Das Erasmus+ Praktikum würde ich sofort weiterempfehlen, vor allem wenn man, wie ich, nach dem Schulabschluss etwas anderes sehen und erleben möchte. Die Erfahrung im Ausland lässt einen über sich selbst hinauswachsen und Erasmus+ ist hierfür eine Riesenchance. Auch das Erasmus-Team erleichtert einem den Schritt ins Ausland durch ihre Unterstützung auf allen Ebenen, denn es gibt immer Ansprechpartner, die einem in Problemsituationen helfen, wofür ich sehr dankbar bin.

Zudem hätte ich ohne Erasmus+ keine finanzielle Förderung für ein solches Praktikum erhalten, ohne welche das Leben im Ausland für mich nicht möglich gewesen wäre.

Wenn Sie Ihre Zeit im Ausland in einem Satz beschreiben müssten. Wie würde er lauten?
Meine Zeit im Ausland war eine einzigartige Erfahrung, an der ich persönlich unglaublich gewachsen bin, in der ich viele besondere Menschen kennenlernen durfte und auf die ich mein Leben lang positiv und dankbar zurückblicken werde.